Sehnenrisse: Ursachen, Arten, Symptome, Diagnostik & Behandlung
Die aus Kollagenfasern bestehenden Sehnen sind für die Beweglichkeit im Alltag unverzichtbar, da sie Muskeln und Knochen miteinander verbinden. Wird die Belastung durch ungewöhnliche Bewegungsmuster zu groß, können Sehnenrisse auftreten, die sich durch plötzliche stechende Schmerzen und eine unmittelbar nachlassende Muskelkraft bemerkbar machen. Besonders anfällig für eine Sehnenruptur, wie der Riss auch bezeichnet wird, sind stark beanspruchte Sehnen wie die Achillessehne [1].
Welche Behandlung erforderlich ist, richtet sich danach, welche Sehne betroffen ist, an welcher Stelle sich die Ruptur ereignet hat und wie ausgedehnt die Verletzung ist (etwa, ob auch benachbarte Strukturen geschädigt sind). Um den Sehnenriss umfassend zu beurteilen, kommen bildgebende Verfahren der Radiologie zum Einsatz, etwa der Ultraschall und die Magnetresonanztomographie. Diese liefern nicht invasiv Informationen zum Ausmaß der Sehnenschäden, die für die Therapieplanung entscheidende Bedeutung haben.
Was ist ein Sehnenriss?
Wichtige Fakten auf einen Blick:
- Ein Sehnenriss (Sehnenruptur) ist eine teilweise oder vollständige Unterbrechung der Sehnenfasern.
- Daneben kann es auch zum Abriss der Sehne am Knochen kommen.
- Besonders häufig sind Achillessehne, Bizepssehne, die Sehnen am Knie und die Rotatorenmanschette betroffen.
Sehnen und Bänder bestehen beide überwiegend aus kollagenem Bindegewebe (faserreiches Gewebe, das hohe Zugkräfte aufnimmt) und sind tragende Elemente des menschlichen Stütz- und Bewegungsapparats. Während Bänder Knochen verbinden und Gelenke stabilisieren, verbinden Sehnen Muskeln mit Knochen und übertragen die Muskelkraft. Dafür sind sie äußerst zugfest, aber wenig dehnbar. Übersteigt die Zugbelastung die Reißfestigkeit, kommt es zur Ruptur.
Das Ausmaß der Schädigung wird für die Einteilung von Sehnenrissen herangezogen:
- Teilruptur: Nur ein Teil der Sehnenfasern ist gerissen; die Sehne ist nicht vollständig durchtrennt.
- Kompletter Sehnenriss: Die Fasern sind über die gesamte Breite durchtrennt, sodass keine Verbindung der Sehnenenden mehr besteht.
- Abriss am Knochen (Avulsion): Die Sehne löst sich vom knöchernen Ansatz, es besteht die Gefahr, dass dabei ein Knochenfragment mit ausgerissen wird.
Nach der Entstehung unterscheidet man akute und degenerative Rupturen. Akute Rupturen sind meist die Folge einer hohen Krafteinwirkung. Degenerative Rupturen entstehen, wenn eine chronische Schädigung die Zugfestigkeit verringert hat. Dann kann bereits eine geringe Überlastung zum Riss führen.
Typische Lokalisationen für Sehnenrisse sind
- die Achillessehne als Verbindung der Wadenmuskulatur mit dem Fersenbein (Rupturen liegen meist zwei bis sechs Zentimeter oberhalb des Ansatzes am Fersenbein, in einem Bereich mit vergleichsweise schlechter Durchblutung),
- die Rotatorenmanschette aus vier Sehnen im Schulterbereich (die Supraspinatussehne ist besonders häufig von einer Ruptur betroffen),
- die Bizepssehnen, wobei Risse nahe dem Schultergelenk (proximal) oft degenerativ beeinflusst sind, während Rupturen an der Ellenbeuge (distal) häufig durch eine hohe Krafteinwirkung ausgelöst werden,
- die Quadrizeps- und Patellarsehne oberhalb und unterhalb der Kniescheibe sowie
- die Beuge- und Strecksehnen der Finger.
Ursachen von Sehnenrissen und begünstigende Risikofaktoren
Wichtige Fakten auf einen Blick:
- Sehnen reißen meist infolge plötzlicher Überlastung, seltener durch äußere Verletzungen.
- Degenerative Veränderungen verstärken die Anfälligkeit für Rupturen.
- Bestimmte Medikamente und Erkrankungen erhöhen das Risiko.
Viele Sehnenrisse werden nicht durch einen Faktor ausgelöst, oft kommen mehrere zusammen. Typische Kombinationen umfassen den Verschleiß der Sehnenstruktur, eine eingeschränkte Durchblutung und eine plötzlich stark zunehmende Belastung, die die Reserven der Sehnen übersteigt.
Mit zunehmendem Alter nehmen Elastizität und Regenerationsfähigkeit der Sehnen ab, wodurch sich das Risiko für Risse erhöht. Gerade bei Freizeitsportlern im mittleren Lebensalter treffen nachlassende Belastbarkeit und hohe Spitzenbelastungen zusammen [1].
Typische Auslöser sind Sprints, abruptes Abstoppen oder Sprünge, etwa beim Fußball oder Badminton. Bei der distalen Bizepssehne im Bereich des Ellenbogens kann es durch eine plötzliche Last auf den angespannten, gebeugten Arm zum Abriss kommen. Ärzte sprechen bei diesen Bewegungsmustern von einem indirekten Trauma: Die Kraft wirkt über den angespannten Muskel auf die Sehne.
Zudem kann eine Enge unter dem Schulterdach (Impingement) die Sehnen der Rotatorenmanschette schädigen. Regelmäßige Überkopfarbeit verstärkt diese Belastung. Weiterhin besteht ein erhöhtes Risiko für Menschen, bei denen ältere Verletzungen der Sehnen oder operative Eingriffe zurückliegen, da diese strukturelle Schwachpunkte bilden. Neben diesen mechanischen Einflüssen spielen auch Medikamente und Erkrankungen eine Rolle.
Medikamente und Grunderkrankungen
Einige Arzneimittelwirkstoffe beeinflussen die Reifung des Kollagens und/oder haben negative Effekte auf die Aktivität jener Zellen (Tenozyten), die das Sehnengewebe aufbauen und erhalten. Ein Beispiel dafür sind Fluorchinolone (eine Gruppe von Antibiotika), die Sehnenentzündungen und Sehnenrisse auslösen können, wovon häufig die Achillessehne betroffen ist. Die Beschwerden können mitunter bereits wenige Tage nach dem Therapiebeginn auftreten oder sich erst nach Monaten zeigen.
Kortison ist ein weiterer Wirkstoff, dem ein nachteiliger Effekt auf die Sehnenstruktur zugeschrieben wird. Dessen Anwendung wirkt ebenfalls auf die Sehnenzellen und beeinflusst damit die Zugfestigkeit. Hierbei ist besonders problematisch, dass unter einer Kortisontherapie Schmerzen nachlassen, weshalb eine zu frühe Belastung geschädigter Sehnen immer wieder vorkommt.
Als weitere Risikofaktoren kommen folgende Erkrankungen infrage:
- Tendinopathien (schmerzhafte, degenerative Sehnenerkrankungen, beispielsweise als Achillodynie),
- Diabetes mellitus,
- Gicht (Urikopathie),
- Rheumatische Erkrankungen,
- Chronische Niereninsuffizienz,
- Übergewicht (belastet die Muskeln und Sehnen zusätzlich).
Symptome von Sehnenrissen
Wichtige Fakten auf einen Blick:
- In vielen Fällen zeigen sich Sehnenrisse durch plötzlichen Schmerz und Funktionsverlust.
- Aufgrund von Gefäßverletzungen kann es auch zu Hämatomen kommen.
- Bei Teilrissen bleiben die Anzeichen mitunter unspezifisch.
Akute Sehnenrisse kündigen sich oft nicht an, sondern machen sich durch einen plötzlichen Beginn der Symptome bemerkbar. Wie sich die Beschwerden konkret äußern, hängt davon ab, welche Sehne betroffen ist und ob eine teilweise oder vollständige Ruptur vorliegt. Betroffene beschreiben beispielsweise bei der Achillessehne oft einen peitschenartigen Knall. Aber auch ein umgehend einsetzender, stechender Schmerz sowie Schwellungen und Blutergüsse – in Kombination mit einem Funktionsverlust der betroffenen Gliedmaße – sind für Sehnenrupturen typisch.
Je nach betroffener Sehne können folgende Anzeichen auftreten:
- Achillessehne: eine tastbare Delle oberhalb der Ferse, eine Schwäche beim Abdrücken des Fußes und die Unfähigkeit, auf den Zehenspitzen zu stehen (da andere Muskeln den Fuß mitbewegen, ist das Gehen teils noch möglich),
- Rotatorenmanschette: Schmerzen beim Anheben des Arms (bei ausgedehnten Rupturen ist die aktive Armbewegung eingeschränkt) mit einem spürbaren Kraftverlust und nächtlichen Schulterschmerzen,
- Distale Bizepssehne: Schmerzen und Hämatome in der Ellenbeuge zusammen mit einer Kraftminderung bei Beugung und Unterarmdrehung,
- Proximale Bizepssehne: eine sichtbare Verlagerung des Muskelbauchs Richtung Ellenbeuge (Popeye-Zeichen),
- Fingersehnen: Betroffene können das Gelenk nicht mehr aktiv beugen oder strecken.
Diese Zeichen können allerdings auch bei anderen Sehnenerkrankungen wie einer Tendinopathie auftreten. Eine gezielte Diagnostik ist deshalb erforderlich.
Diagnostik bei Sehnenrissen
Wichtige Fakten auf einen Blick:
- Die körperliche Untersuchung liefert erste Hinweise auf die betroffene Sehne und das Ausmaß der Schädigung.
- Die Sonographie ist ein Verfahren zur schnellen Beurteilung von Sehnenrissen.
- Die Magnetresonanztomographie zeigt Ausmaß und Begleitverletzungen, Röntgen und CT knöcherne Ausrisse.
Am Beginn der Diagnostik stehen auch bei Sehnenverletzungen die Anamnese und die körperliche Untersuchung. Dabei geht es vor allem um den Verletzungsmechanismus, die Lage der Schmerzen und die verbliebene Beweglichkeit.
Wichtig sind Funktionstests, anhand derer sich die Kraftübertragung der betroffenen Sehne untersuchen lässt. Ein Beispiel ist der Thompson-Test: Beim Verdacht auf einen Achillessehnenriss wird die Wadenmuskulatur manuell komprimiert, während der Patient auf dem Bauch liegt. Ist die Sehne intakt, bewegt sich der Fuß dabei nach unten. Bleibt diese Bewegung aus, spricht das für eine vollständige Achillessehnenruptur. Beim Jobe-Test hebt der Patient den seitlich gestreckten Arm mit nach unten zeigendem Daumen gegen Widerstand an. Schmerz oder Schwäche spricht für eine Schädigung der Supraspinatussehne.
Ist der Befund unklar oder muss für die Wahl der Therapie das Ausmaß genauer beurteilt werden, kommen bildgebende Untersuchungen zum Einsatz.
Sonographie (Ultraschall)
Die Sonographie (Ultraschall) ist beim Verdacht auf Risse von Achilles-, Quadrizeps- und Patellarsehne sowie der Rotatorenmanschette eines der wichtigsten bildgebenden Verfahren. Mithilfe der Aufnahmen lassen sich Unterbrechungen im Verlauf der Sehne feststellen sowie das Ausmaß des Sehnenspalts ermitteln. Da Flüssigkeit kaum Schall reflektiert und im Bild dunkel erscheint, lassen sich auch Einblutungen ins Gewebe erkennen. Ein weiterer Vorteil besteht in der Möglichkeit zur dynamischen Untersuchung, um die Sehne in Bewegung zu begutachten.
Magnetresonanztomographie (MRT)
Durch die hohe Auflösung und den guten Weichteilkontrast ist die Magnetresonanztomographie (MRT) ein bildgebendes Verfahren, das umfassende Aussagen zu Sehnenverletzungen liefert. In den Aufnahmen lassen sich auch Auswirkungen auf das umgebende Gewebe beurteilen. Gerade nach Unfällen kann es neben dem Sehnenriss auch zu Muskelverletzungen kommen. Bei Verletzungen der Rotatorenmanschette ist die MRT häufig Teil der Diagnostik. Zu den wichtigen Fragestellungen, die mithilfe der Untersuchung zu beantworten sind, gehört das Vorliegen von Teil- oder Durchrissen. Ein Zurückweichen des Sehnenstumpfes (die sogenannte Retraktion) wirkt sich auf den weiteren Ablauf der Behandlung maßgeblich aus. Besonders wichtig ist die MRT für die Planung von Eingriffen, da Begleitverletzungen an Knorpel oder Bändern die Auswahl geeigneter Maßnahmen beeinflussen. Ist eine MRT nicht möglich, kann in Einzelfällen eine CT-Arthrographie (Computertomographie mit Kontrastmittel im Gelenk) erwogen werden.
Röntgen und Computertomographie
Die Röntgendiagnostik spielt für die Untersuchung einer Sehnenverletzung meist eine untergeordnete Rolle, da Sehnen im Röntgenbild kaum Kontrast bieten. Allerdings dienen das Röntgen und die Computertomographie (CT) dem Ausschluss knöcherner Begleitverletzungen wie Ausrissen oder Knochenbrüchen (Frakturen). Sie zeigen außerdem Verkalkungen oder einen Hoch- bzw. Tiefstand der Kniescheibe, der auf einen Riss der Patellar- bzw. Quadrizepssehne hinweist. Verkalkungen in der Sehne können auf eine chronische Schädigung hinweisen, die die Sehne schwächt.
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Behandlung von Sehnenrissen
Wichtige Fakten auf einen Blick:
- Die Auswahl der Behandlung hängt von der betroffenen Sehne und dem Ausmaß der Verletzung ab.
- Je nach klinischem Bild kann eine OP oder eine konservative Therapie die beste Entscheidung sein.
- Gerade bei degenerativen Veränderungen kann auch eine Sehnenrekonstruktion erforderlich sein.
Therapieentscheidend sind bei Sehnenrissen die Lage der betroffenen Sehne, das Ausmaß der Schädigung, das Lebensalter sowie Begleiterkrankungen, die bestimmte Behandlungsoptionen ausschließen. Operative Eingriffe sind nicht in jedem Fall erforderlich. Je schneller die Diagnose feststeht, desto mehr Optionen für die Versorgung der Ruptur stehen zur Verfügung.
Ein möglicher Ansatz bei einigen Teilrissen, ausgewählten Achillessehnenrupturen und degenerativen Rissen der Rotatorenmanschette ist die konservative Therapie. Dazu gehören
- die vorübergehende Ruhigstellung durch Orthesen oder Schienen,
- die kontrollierte Entlastung der betroffenen Gliedmaße,
- die medikamentöse Schmerztherapie und
- die funktionelle Bewegungstherapie und physiotherapeutische Kräftigungsübungen.
Bei Achillessehnenrissen setzt die konservative Therapie zum Beispiel auf eine Spezialorthese mit Fersenerhöhung, die die Sehnenenden einander annähert, und eine frühe, schrittweise Belastung. Ob eine Operation durchgeführt werden muss, hängt unter anderem vom Abstand der Sehnenenden ab. Ist eine Operation nötig, sollte sie möglichst zeitnah erfolgen – meist innerhalb weniger Tage bis Wochen –, da sich die Sehnenenden sonst zurückziehen und vernarben. Ebenfalls meist operativ versorgt werden akute Abrisse einer Sehne vom Knochen, etwa an der distalen Bizepssehne. Die Sehne wird dabei am Knochen refixiert.
Operativ stehen folgende Verfahren zur Verfügung:
- Sehnennaht: Die gerissenen Sehnenenden werden miteinander verbunden.
- Sehnenrefixation: Eine am Knochen abgerissene Sehne wird erneut befestigt.
- Sehnenrekonstruktion: Bei größeren Defekten kann das geschädigte Gewebe mit einem geeigneten Transplantat aufgebaut werden.
An die Eingriffe schließt sich eine mehrwöchige bis mehrmonatige Rehabilitation an, in der die Belastung schrittweise gesteigert wird, um die Beweglichkeit wiederherzustellen, eine erneute Ruptur aber gleichzeitig zu verhindern.
FAQ zu Sehnenrissen: Die wichtigsten Fragen und Antworten
Sind weiterführende bildgebende Verfahren wie MRT oder CT immer erforderlich?
Bei vielen Sehnenrissen genügen klinische Tests und eine Sonographie. Eine MRT ist sinnvoll, wenn der Befund unklar bleibt, Teilrisse vermutet werden oder wenn vor einer Schulteroperation Ausmaß und Begleitschäden genau geklärt werden müssen. Eine CT kommt nur in Sonderfällen infrage, etwa bei knöchernen Begleitverletzungen oder wenn eine MRT nicht möglich ist.
Welche Komplikationen drohen im Zuge einer OP nach einem Sehnenriss?
Wie bei vielen Operationen kann es zu Wundheilungsstörungen, Infektionen oder Narkoseproblemen kommen. Insbesondere bei Sehnenrupturen kommen aber Verwachsungen des Gewebes hinzu, die Bewegungseinschränkungen nach sich ziehen und die Belastbarkeit vermindern können. Zudem erhöht eine zu frühe Belastung das Risiko einer erneuten Ruptur.
Heilt eine Sehnenruptur folgenlos aus?
In vielen Fällen ja. Das lässt sich aber nicht pauschal auf jeden Patienten übertragen. Je nach Rahmenbedingungen bestehen Risiken für dauerhafte Funktionseinschränkungen – etwa im Fall ausgeprägter degenerativer Veränderungen. Auch ein operativ versorgter Riss kann hinter seiner früheren Belastbarkeit zurückbleiben.
[1] Whitmore, J. A. et al. (2025): Epidemiology of Acute Primary Tendon Ruptures Presenting to Emergency Departments in the United States. In: Orthopaedic Journal of Sports Medicine, Jg. 13, H. 8, S. 23259671251360402. DOI: 10.1177/23259671251360402. online verfügbar unter: Link (Datum des letzten Zugriffs: 27.10.2026).




