Hirnmetastasen bestrahlen: Ganzhirnbestrahlung vs. stereotaktische Radiochirurgie
Entwickelt sich ein Tumor, besteht die Gefahr einer Ausbreitung über das Lymph- oder Blutgefäßsystem. Gelingt es den Krebszellen, die Schranke zum Gehirn zu überwinden, können sich Hirnmetastasen bilden. Ihre Entstehung ist häufig mit einem fortgeschrittenen Krebsleiden assoziiert und gehört zu den Ursachen für neurologische Beschwerden bei Tumorpatienten [1]. Hirnmetastasen können unter anderem bei Lungenkrebs (Lungenkarzinom), Brustkrebs (Mammakarzinom) und schwarzem Hautkrebs auftreten.
Zur Behandlung von Hirnmetastasen stehen der Krebsmedizin (Onkologie) mit der Ganzhirnbestrahlung (Whole Brain Radiotherapy, WBRT) und der stereotaktischen Radiochirurgie (SRS) zwei etablierte strahlentherapeutische Verfahren zur Verfügung. Beide Methoden verfolgen unterschiedliche Ansätze und unterscheiden sich in der Durchführung. Welches Verfahren im konkreten Fall zum Einsatz kommt, hängt unter anderem davon ab, wie viele Metastasen entdeckt werden und wo diese im Gehirn liegen.
Hirnmetastasen behandeln: WBRT und SRS im Überblick
Wichtige Fakten auf einen Blick:
- Beide Behandlungsverfahren nutzen Strahlung, um Krebszellen im Gehirn zu zerstören.
- Bei der WBRT werden Metastasen, aber auch gesundes Hirngewebe bestrahlt.
- Die SRS ist eine Methode, die sich zum gezielten Einsatz gegen Metastasen eignet.
Die Metastasierung ist ein Prozess, der sich bei vielen Tumoren beobachten lässt. In der Häufigkeit und dem Zeitpunkt der Bildung von Tochtergeschwülsten unterscheiden sich die verschiedenen Krebsarten voneinander. So neigen einige Varianten eher selten, andere jedoch häufiger bzw. schneller dazu, Absiedlungen in anderen Organen zu bilden. Im Gehirn sitzende Metastasen sind aus zwei Gründen eine besondere Herausforderung: Sie bilden sich in besonders sensiblem Gewebe (was die Behandlung erschwert) und können durch dessen Verdrängung zu neurologischen Einschränkungen führen.
Die Ganzhirnbestrahlung (WBRT)
Bei der WBRT wird das gesamte Gehirn mit einer einheitlichen Dosis bestrahlt, unabhängig davon, wo und wie viele Metastasen gefunden wurden. Ziel ist es, sowohl bekannte Herde als auch kleine, noch nicht sichtbare Tumorzellansammlungen zu erfassen. Die Behandlung erfolgt fraktioniert, also in mehreren Sitzungen über einen Zeitraum von mehreren Wochen.
Der Vorteil der Bestrahlung des gesamten Hirngewebes liegt darin, auch noch nicht entdeckte (okkulte) Absiedlungen zu erfassen. Dies ist insbesondere bei einer hohen Anzahl von Metastasen oder einer diffusen Verteilung von Bedeutung. Der wesentliche Nachteil der WBRT besteht in der Beeinträchtigung des gesunden Hirngewebes.
Durch die Behandlung kann es zu einer Beeinträchtigung der kognitiven Leistungsfähigkeit – etwa in Form von Gedächtnis- oder Konzentrationsschwächen – sowie zu Müdigkeit (Fatigue) und Haarausfall im bestrahlten Bereich kommen. Um die Gedächtnisleistung zu schonen, wird bei modernen Bestrahlungsplanungen der Hippocampus, eine für die Gedächtnisbildung zentrale Hirnstruktur, nach Möglichkeit ausgespart.
Die stereotaktische Radiochirurgie (SRS)
Der Ansatz der SRS ist die punktgenaue Bestrahlung einzelner Metastasen mit einer sehr hohen Strahlendosis. Ziel ist es dabei, das umliegende gesunde Hirngewebe zu schonen. Die Behandlung erfolgt oft in nur einer Sitzung, bei größeren Läsionen kann auch eine Fraktionierung angewandt werden (stereotaktisch fraktionierte Radiotherapie). Trotz der Vorteile, die mit dieser Methode verbunden sind, ist die SRS nicht komplett nebenwirkungsfrei. Unmittelbar an die Metastase angrenzendes Gewebe kann beispielsweise bei komplexen Verwachsungen geschädigt werden, da sich die Mitbestrahlung in diesem Fall kaum verhindern lässt. In der Folge kann das betroffene Gewebe absterben und sich eine Radionekrose bilden.
Zur Durchführung werden unterschiedliche Bestrahlungssysteme eingesetzt, die je nach den individuellen Rahmenbedingungen ausgewählt werden. Wichtig ist eine genaue Bestrahlungsplanung anhand hochaufgelöster Aufnahmen, die mittels Computertomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT) angefertigt werden. Die Aufnahmen ermöglichen die exakte Festlegung des Zielvolumens und des erforderlichen Sicherheitsabstands zu umliegenden Strukturen.
Durch die Schonung des gesunden Hirngewebes verringert sich bei der SRS das Risiko kognitiver Nebenwirkungen im Vergleich zur WBRT. Zudem ist die Behandlung für den Patienten belastungsärmer, da sie in der Regel innerhalb weniger Tage abgeschlossen ist. Allerdings besteht eine Herausforderung darin, dass ausschließlich die mittels Bildgebung erfassten Metastasen behandelt werden können. Mikroskopisch kleine Absiedlungen bleiben hingegen unbehandelt, weshalb ein erhöhtes Risiko für später auftretende Metastasen besteht. Aus diesem Grund ist eine engmaschige Verlaufskontrolle mit der MRT erforderlich.
Krebserkrankungen, bei denen es auch zur Bestrahlung von Hirnmetastasen kommen kann
Wichtige Fakten auf einen Blick:
- Eine Absiedlung von Krebszellen ins Gehirn geschieht in der Regel über den Blutkreislauf.
- Besonders oft treten Metastasen bei Lungen- und Brustkrebs auf.
- Mit der Bildung der Tochtergeschwülste ist meist eine Verschlechterung der Heilungsprognose verbunden.
Die Bestrahlung von Hirnmetastasen ist neben der systemischen Chemotherapie nicht selten die einzige Möglichkeit, um Absiedlungen solider Tumorerkrankungen ins Gehirn zu behandeln. Besonders häufig betroffen sind Patienten mit einem nichtkleinzelligen Bronchialkarzinom (NSCLC) und einem kleinzelligen Bronchialkarzinom (SCLC), da bei diesen Krebsformen häufig die Bildung von Hirnmetastasen im Krankheitsverlauf zu beobachten ist. Aber auch bei einigen Subtypen des Mammakarzinoms kann es zur Bildung von Hirnmetastasen kommen.
Darüber hinaus können Tochtergeschwülste im Gehirn auch bei folgenden Krebsarten – meist im Rahmen des Stagings – entdeckt werden:
- Nierenkrebs (Nierenzellkarzinom),
- Darmkrebs und
- verschiedene Formen von Lymphomen.
Die Entscheidung für eine Bestrahlung wird stets interdisziplinär getroffen und richtet sich neben der Grunderkrankung auch nach dem Ansprechen auf vorangegangene systemische Therapien wie einer Chemo- oder Immuntherapie. Auch bei einem Rezidiv, also dem erneuten Auftreten von Metastasen nach einer bereits abgeschlossenen Behandlung, gehört die Bestrahlung zum Spektrum der Therapiemaßnahmen.
Wann stereotaktische Radiochirurgie (SRS) und Ganzhirnbestrahlung (WBRT) zum Einsatz kommen
Wichtige Fakten auf einen Blick:
- Für die Auswahl der Therapie sind das klinische Bild und der patientenindividuelle Allgemeinzustand entscheidend.
- Die SRS hat sich in den letzten Jahren als präzises und weniger belastendes Verfahren etabliert.
- Die WBRT eignet sich zur Behandlung diffuser Metastasierungen und größerer Gesamtmassen.
Für die Entscheidung zwischen WBRT und SRS sind mehrere Faktoren von Bedeutung. Bei einer geringen Anzahl von Metastasen mit begrenztem Durchmesser ist die SRS das vorzugswürdige Verfahren, da sie eine gute lokale Tumorkontrolle bei geringerem Risiko für die kognitiven Funktionen ermöglicht.
Auch nach einer neurochirurgischen Entfernung einer einzelnen größeren, symptomatischen Metastase wird häufig eine stereotaktische Nachbestrahlung der Operationshöhle erwogen, um das Rezidivrisiko zu senken, ohne die Lebensqualität zusätzlich zu beeinträchtigen.
Eine WBRT kommt eher infrage, wenn zahlreiche oder diffus verteilte Metastasen vorliegen, bei denen eine gezielte Einzelbestrahlung nicht sinnvoll ist, oder wenn bereits ein Befall der Hirnhäute (Meningeosis carcinomatosa) in der Bildgebung zu erkennen ist [2]. Ein weiteres Szenario ist eine Eskalation der Behandlung, wenn die SRS bereits durchgeführt wurde und kein adäquates Ansprechen auf die Therapie zu erkennen ist.
In die Abwägung fließen außerdem der individuelle Allgemeinzustand des Patienten sowie die Kontrolle des Primärtumors ein. Im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen berücksichtigt das behandelnde interdisziplinäre Team zudem die Restlebenszeiterwartung, um entsprechende Maßnahmen zu erörtern, mit denen die Belastung für den Patienten so gering wie möglich gehalten werden kann. Die Entscheidung erfolgt also immer patientenindividuell und kann auch molekulare Eigenschaften des Primärtumors, etwa bestimmte Genveränderungen bei einem Bronchialkarzinom oder Mammakarzinom, einschließen. Die Bewertung einer solchen Tumorheterogenität kann hilfreich sein, um die Aussichten der Therapie besser zu beurteilen.
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Fazit: Die stereotaktische Radiochirurgie (SRS) bietet viele Vorteile, kann die Ganzhirnbestrahlung (WBRT) aber nicht vollständig ersetzen
Sowohl die WBRT als auch die SRS haben in der Behandlung von Hirnmetastasen Bedeutung, wobei sich in den letzten Jahren der stereotaktische Ansatz aufgrund seiner spezifischen Vorteile stärker durchgesetzt hat. Die unterschiedlichen Behandlungsansätze machen die beiden Verfahren jeweils für verschiedene Situationen therapeutisch wertvoll. Die WBRT bleibt ein etabliertes Verfahren, das sich besonders dann anbietet, wenn die Effektivität der SRS durch die große Anzahl der Hirnmetastasen oder deren Gesamtvolumen eingeschränkt ist. Daneben hat die WBRT jedoch nach wie vor ihre Berechtigung, wenn die SRS in Verlaufskontrollen nicht das gewünschte Ergebnis zeigt. Letztlich ist die Entscheidung für eines der beiden Verfahren auch immer von der patientenindividuellen Situation abhängig.
FAQ zur Ganzhirnbestrahlung (WBRT) und der stereotaktischen Radiochirurgie (SRS): Die wichtigsten Fragen und Antworten
Verursacht die Bestrahlung mittels WBRT oder SRS Schmerzen?
Weder die WBRT noch die SRS verursachen während der Bestrahlung Schmerzen. Als unangenehm kann das Anlegen der Fixierungsmaske bei der SRS empfunden werden. Nach der Behandlung auftretende Kopfschmerzen gehen oft auf ein begleitendes Hirnödem zurück und lassen sich medikamentös behandeln.
Können durch die Behandlungen Komplikationen auftreten?
Nach einer WBRT können Müdigkeit, Hautreizungen, Haarausfall sowie langfristig auch kognitive Einschränkungen auftreten. Bei der SRS besteht das Risiko einer strahlenbedingten Gewebeschädigung, die in der Medizin als Radionekrose bezeichnet wird. Zudem kann sich ein Hirnödem im behandelten Areal entwickeln.
Welche Anzeichen sprechen für Hirnmetastasen bei einer Krebserkrankung?
Anzeichen sind anhaltende Kopfschmerzen (insbesondere morgens) sowie Übelkeit, Schwindel und neu auftretende neurologische Ausfälle wie Lähmungen oder Sprach- und Sehstörungen. Auch Wesensveränderungen oder Konzentrationsstörungen sind mögliche Anzeichen für die Absiedlungen des Primärtumors.
Werden die WBRT und die SRS auch bei Heranwachsenden durchgeführt?
Hirnmetastasen treten bei Kindern und Jugendlichen seltener auf als bei Erwachsenen, da solide Tumore mit Neigung zur Hirnmetastasierung in diesem Alter selten sind. Kommt es dennoch dazu, etwa bei bestimmten Sarkomen oder Keimzelltumoren, werden WBRT und SRS grundsätzlich auch bei Heranwachsenden eingesetzt. In dieser Situation ist jedoch eine besonders zurückhaltende Dosierung unter Berücksichtigung etwaiger Spätfolgen für das heranwachsende Gehirn erforderlich.
[1] Zhang, Y. et al. (2025): Driver Gene-Specific Prevalence and Incidence of Brain Metastases in Non-Small Cell Lung Cancer: A Meta-Analysis Encompassing All Disease Stages. In: Discover Oncology, Jg. 16, H. 1, Artikel 1780. DOI: 10.1007/s12672-025-03621-w. online verfügbar unter: Link (Datum des letzten Zugriffs: 10.09.2026).
[2] Ochoa-Lantigua, P. et al. (2026): The Use of Radiotherapy in Leptomeningeal Carcinomatosis: A Systematic Review and Random-Effects Proportions Meta-Analysis. In: Cancers, Jg. 18, H. 4, Artikel 547. DOI: 10.3390/cancers18040547. online verfügbar unter: Link (Datum des letzten Zugriffs: 10.09.2026).