Schilddrüsenantikörper: Was erhöhte Werte über die Schilddrüse verraten
Das Immunsystem nutzt Antikörper als Teil der Abwehr, um Viren, Bakterien und andere Erreger unschädlich zu machen. Als Eiweiße des Immunsystems (Immunglobuline) richten sich Schilddrüsenantikörper jedoch nicht gegen körperfremde Verbindungen, sondern gegen körpereigene Strukturen der Schilddrüse. Ihr Nachweis im Blut spricht daher für eine mögliche Autoimmunreaktion.
Dabei greift das Abwehrsystem Enzyme, Speicherproteine oder Rezeptoren der Schilddrüse an. Positive Antikörperfunde im Labor bedeuten nicht zwangsläufig das Vorliegen einer pathologischen Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse. Schilddrüsenantikörper im Blut geben jedoch Anlass zur Untersuchung des Thyreoidea-stimulierenden Hormons (TSH) sowie der Schilddrüsenhormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4) – vor allem in der jeweils freien Variante fT3 und fT4. Dabei spielen auch radiologische Verfahren eine Rolle.
Was sind Schilddrüsenantikörper?
Wichtige Fakten auf einen Blick:
- Schilddrüsenantikörper können sich gegen Proteine oder Rezeptoren der Schilddrüse richten.
- Der TPO-Antikörper greift das Enzym Thyreoperoxidase an und ist ein Hinweis auf Hashimoto.
- Auch der Tg-Antikörper und der TSH-Rezeptor-Antikörper lassen sich im Labor nachweisen und liefern Hinweise auf Schilddrüsenstörungen.
Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse schädigen deren funktionelles Gewebe und führen auf lange Sicht zu einer Störung verschiedener Körperfunktionen, da die Schilddrüsenhormone unter anderem für den Stoffwechsel und verschiedene Organfunktionen eine zentrale Rolle spielen. Da gerade bei chronischen Erkrankungen wie der Hashimoto-Thyreoiditis oder Morbus Basedow die Symptome oft schleichend beginnen, sind spezielle Marker – die sich durch Laboruntersuchungen im Blut nachweisen lassen – von Bedeutung für die rechtzeitige Erkennung. Unter den bisher bekannten Schilddrüsenantikörpern sind drei besonders wichtig.
TPO-Antikörper
Thyreoperoxidase (TPO) ist ein Enzym, das an der Bildung von Schilddrüsenhormonen beteiligt ist. Zeigt die Untersuchung im Labor einen erhöhten Spiegel von TPO-Antikörpern (Anti-TPO bzw. TPO-AK), liegt eine gegen das Enzym gerichtete Immunreaktion vor. Die damit verbundenen Entzündungs- und Immunprozesse können langfristig zu einer Schädigung des Schilddrüsengewebes und zu einer Unterfunktion des Organs führen.
Bei einem Verdacht auf eine Hashimoto-Thyreoiditis gelten TPO-AK als wichtiger und sensitiver Labormarker, da sie sich bei einem großen Teil der Betroffenen nachweisen lassen. Allerdings ist eine erhöhte Konzentration auch bei Morbus Basedow und anderen Autoimmunerkrankungen mit Auswirkungen auf die Schilddrüse möglich. Darüber hinaus können TPO-AK in seltenen Fällen auch ohne manifestes Schilddrüsenleiden nachgewiesen werden.
Außerdem korreliert die Höhe des gemessenen TPO-AK-Werts nicht automatisch mit dem Schweregrad der zugrunde liegenden Entzündungsreaktionen. Ob ein gemessener TPO-AK-Wert als negativ oder erhöht gilt, richtet sich im Übrigen nach dem Referenzbereich des jeweils beauftragten Labors.
Thyreoglobulin-Antikörper
Thyreoglobulin ist ein Speicherprotein, aus dem die Schilddrüse die aktiven Hormone T3 und T4 bildet. Tg-Antikörper (TAK bzw. Tg-AK) können ebenfalls im Rahmen einer Hashimoto-Thyreoiditis auftreten.
Besonders hilfreich ist ihre Messung, wenn trotz klinischen Verdachts auf eine autoimmune Schilddrüsenerkrankung die Messung der TPO-AK negativ ausfällt, da beide Marker sich in ihrer Sensitivität ergänzen (beispielsweise sind bei einer chronischen Schilddrüsenentzündung in Abhängigkeit vom Testverfahren im Bereich von 50 bis 90 Prozent der Fälle Tg-AK nachweisbar).
Veränderte Werte allein belegen die Verdachtsdiagnose aber noch nicht – es bedarf vielmehr einer Bewertung des Gesamtbildes. Neben Schilddrüsenerkrankungen lassen sich die Antikörper auch bei Vitamin-B12-Mangelanämie nachweisen.
TSH-Rezeptor-Antikörper
TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK) richten sich gegen den Rezeptor, an dem normalerweise das TSH andockt. Sie sind oft mit Morbus Basedow verbunden und dabei auch unmittelbar für die Symptome der Erkrankung verantwortlich. Ursache ist eine bestimmte Variante der Antikörper, die zu einer immunologisch bedingten Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) führt.
Fachlich wird zwischen stimulierenden TRAK (thyroid stimulating antibodies, TSAb) und einer Variante, die eine blockierende Wirkung auf die Drüsenfunktion hat, unterschieden. Letztere wurden in der Vergangenheit für die Bewertung des Krankheitsgeschehens als weniger bedeutend wahrgenommen, was sich inzwischen aber ändert [1].
Bedeutet ein erhöhter Schilddrüsenantikörperwert immer eine Fehlfunktion?
Wichtige Fakten auf einen Blick:
- Eine Veränderung der Schilddrüsenfunktion ist erst anhand der Hormonwerte zu erkennen.
- Die Schilddrüsenantikörperwerte sind grundsätzlich im Zusammenhang mit anderen medizinischen Parametern zu bewerten.
- Die Antikörper liefern Hinweise auf die möglichen Ursachen einer Schilddrüsenfehlfunktion.
Die Messung der Schilddrüsenantikörper erfolgt meist dann, wenn der Verdacht besteht, dass
- Symptome (wie Gewichtsveränderung, Müdigkeit und Herzrasen) mit einer autoimmunen Funktionsstörung der Schilddrüse zusammenhängen,
- die Werte der Schilddrüsenhormone auffällig sind oder
- im Rahmen der Tumornachsorge Fehlinterpretationen der Tumormarker durch das Vorliegen von Antikörpern ausgeschlossen werden sollen.
Ein zentraler Punkt ist die Einordnung in das klinische Gesamtbild, da zum Beispiel ein erhöhter TPO-AK oder Tg-AK zu einer Hashimoto-Thyreoiditis passen kann, ohne dass zwingend eine Unterfunktion der Schilddrüse vorliegen muss. Gerade zu Beginn der autoimmun bedingten Veränderungen (die sich über Jahre bis Jahrzehnte entwickeln können) liegen TSH und die freien Hormone oft noch im Normbereich.
Eine Erhöhung von TPO-AK und TSH spricht für eine Hashimoto-Erkrankung. Ist der Antikörper zusammen mit den freien Hormonen erhöht, TSH jedoch abgesenkt, deutet dies eher auf eine Überfunktion hin und bedarf weiterer Abklärung. Ähnlich ist es im Fall der TRAK. Für Morbus Basedow würde dagegen die Kombination aus erhöhten Antikörpern und freien Schilddrüsenhormonen mit einer Erniedrigung des TSH-Werts sprechen.
Die Kenntnis der Schilddrüsenwerte ist für eine Beurteilung der Organfunktion entscheidend, da die Antikörper selbst keine funktionale Aussage über den aktuellen Status der Schilddrüse liefern, sondern eher auf die mögliche Ursache einer Erkrankung hinweisen.
Die Einordnung der Laborwerte umfasst auch die Ergebnisse bildgebender Untersuchungen, insbesondere die des Ultraschalls (Sonographie). Mit dem Verfahren lassen sich Größe und Volumen der Schilddrüse feststellen. Zudem lassen sich knotige Veränderungen sowie eine echoarme oder inhomogene Gewebestruktur erkennen, die zusätzliche Hinweise auf entzündliche bzw. autoimmune Veränderungen liefert. Andere Untersuchungen, wie die Magnetresonanztomographie (MRT), spielen diagnostisch zwar eine eher untergeordnete Rolle, werden jedoch zur Klärung spezieller Fragen – wie der Abklärung eines Tumorverdachts bei suspekter Knotenbildung – eingesetzt.
Muss ein erhöhter Schilddrüsenantikörperwert behandelt oder kontrolliert werden?
Treten zu hohe Antikörperwerte als alleiniges Merkmal auf, erfolgt in der Regel keine unmittelbare Behandlung. Bei normaler Schilddrüsenfunktion ist – je nach Situation des Patienten – eine Verlaufskontrolle von TSH und gegebenenfalls fT4 in individuell festgelegten Abständen oft ausreichend. Eine wiederholte Antikörpermessung ist bei bereits gestellter Diagnose meist nicht erforderlich.
Eine Behandlung wird hingegen immer dann in Erwägung gezogen, wenn es zu Veränderungen der Drüsenfunktion kommt, auftretende Beschwerden oder der Ultraschallbefund für eine Therapie sprechen oder sich besondere Situationen wie eine Schwangerschaft oder ein Kinderwunsch ergeben, bei denen eine Fehlfunktion der Schilddrüse das Risiko für Komplikationen erhöht.
Zu den Krankheitszeichen, auf die im Zusammenhang mit den Antikörpern besonders zu achten ist, gehören:
- Herzrasen,
- ausgeprägte Unruhe,
- unerklärlicher Gewichtsverlust,
- starke Müdigkeit,
- Kälteempfindlichkeit,
- neu aufgetretener Haarausfall,
- tastbare Schilddrüsenvergrößerungen und
- Augenbeschwerden.
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Fazit: Schilddrüsenantikörper – keine Diagnose, aber Hinweis auf die Ursache schwankender Schilddrüsenwerte
Schilddrüsenantikörper – speziell TPO, Tg-AK und TRAK – liefern Ärzten wichtige Hinweise auf die Ursache einer Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse, da sie auf Autoimmunerkrankungen hinweisen. Aus diesem Grund wird beim Auftreten relevanter Symptome wie Herzrasen oder Haarausfall ohne erkennbare Ursache eine entsprechende labormedizinische Untersuchung veranlasst. Mitunter werden auffällige Antikörperwerte aber auch als Zufallsbefund festgestellt, etwa bei einer Blutuntersuchung im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge.
Dennoch sind erhöhte Antikörperwerte allein noch kein eindeutiger Nachweis einer Hashimoto-Thyreoiditis oder eines Morbus Basedow. Zur sicheren Diagnose dieser und weiterer Schilddrüsenerkrankungen – beispielsweise einer unklaren Hyperthyreose – bedarf es einer umfassenden Schilddrüsendiagnostik, zu der auch die nuklearmedizinische Szintigraphie und die Entnahme einer Gewebeprobe (Stanzbiopsie) gehören können.
FAQ zu Schilddrüsenantikörpern: Die wichtigsten Fragen und Antworten
Können sich die Werte der Schilddrüsenantikörper selbstständig normalisieren?
Ja, unter anderem zu Beginn einer Autoimmunthyreoiditis schwanken die Antikörper im Verlauf immer wieder und leicht erhöhte Werte können sich später auch ohne gezielte Behandlung wieder zurück in den Normbereich bewegen. Ein solcher Rückgang bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die zugrunde liegende Autoimmunreaktion vollständig abgeklungen ist. Entscheidend für die weitere Bewertung bleiben die Schilddrüsenhormone.
Sollte man die Schilddrüsenantikörper vor jeder Schwangerschaft kontrollieren lassen?
Eine generelle Kontrolle vor jeder Schwangerschaft ist nicht erforderlich. Bei einer bekannten Schilddrüsenerkrankung, einer familiären Belastung sowie einer unklaren Fruchtbarkeitsstörung oder wiederholten Fehlgeburten ist der Test aber durchaus sinnvoll. Besonders TPO-AK und TRAK sind relevant, da sie das Risiko für Schwangerschaftskomplikationen sowie kindliche Schilddrüsenfunktionsstörungen beeinflussen können. Ob und wann eine gezielte Testung angezeigt ist, sollte rechtzeitig mit dem behandelnden Frauenarzt oder Endokrinologen besprochen werden.
Sprechen hohe Schilddrüsenantikörperwerte gegen den Einsatz von Kontrastmitteln bei radiologischen Untersuchungen?
Nicht die Antikörper selbst, sondern die aktuelle Schilddrüsenfunktion ist entscheidend. Vor jodhaltigen Kontrastmitteln, wie sie bei der Computertomographie oder Angiographie zum Einsatz kommen, wird deshalb häufig vorab der TSH-Wert kontrolliert. Bei einer bestehenden Überfunktion, etwa im Rahmen eines Morbus Basedow, sind unter Umständen besondere Maßnahmen erforderlich, um die Jodaufnahme der Schilddrüse zu blockieren. Eine Röntgenuntersuchung ohne Kontrastmittel ist von diesem Problem nicht betroffen.
Wie oft sollte man die Schilddrüsenantikörper messen lassen?
Feste Kontrollfrequenzen gibt es nicht, da Testungen von der Diagnosestellung, der aktuellen Funktion der Schilddrüse und der Symptomatik abhängen. Steht die Erkrankung fest und ist die Schilddrüsenfunktion stabil, sind wiederholte Antikörpermessungen häufig nicht mehr erforderlich. Genaueren Aufschluss über die Drüsenfunktion geben die Hormonwerte.
[1] Diana, T., Olivo, P. D. und Kahaly, G. J. (2018): Thyrotropin Receptor Blocking Antibodies. In: Hormone and Metabolic Research, Jg. 50, H. 12, S. 853-862. DOI: 10.1055/a-0723-9023.