Stereotaktische Strahlentherapie (SBRT) – Alles Wichtige & Wissenswerte rund um die Präzisionsbestrahlung
Bei der stereotaktischen Strahlentherapie – oder genauer der extra-kraniellen stereotaktischen Bestrahlung (Stereotactic Body Radiotherapy, SBRT) – handelt es sich um ein Verfahren, bei dem eine äußere Strahlenquelle genutzt wird, um bestimmte Tumore zu behandeln. Charakteristisch ist die Verabreichung hoher Einzeldosen (Applikationen), die auf ein eng begrenztes Zielvolumen (Target) angewendet werden. Oft sind daher nur wenige Sitzungen (Fraktionen) notwendig, was die Anwendung im Vergleich zur konventionellen Strahlentherapie, bei der eine Behandlung üblicherweise mehrere Wochen läuft, für den Patienten belastungsärmer macht.
Möglich wird dies durch eine Kombination mehrerer technischer Faktoren, nämlich einer bildbasierten Bestrahlungsplanung, einer Lagekontrolle unter Bildführung (Image-guided Radiotherapy, IGRT) vor jeder Sitzung sowie der Erfassung von Organbewegungen, die beispielsweise im Brust- und Bauchraum auftreten. Im Kern geht es bei der stereotaktischen Strahlentherapie also darum, eine hohe, tumorzerstörende Dosis auf ein kleines Areal zu konzentrieren und das gesunde Nachbargewebe zu schonen.
Wie funktioniert die stereotaktische Strahlentherapie genau?
Wichtige Fakten auf einen Blick:
- Die stereotaktische Strahlentherapie kombiniert eine gezielte, hohe Strahlendosis mit einer präzisen Bildgebung.
- Zur Vorbereitung der Behandlung werden radiologische Planungsaufnahmen angefertigt.
- Ein zentrales Element ist die Lagekontrolle, um eine optimale Wirkung der Bestrahlung des Zielvolumens zu gewährleisten.
Einer stereotaktischen Strahlentherapie geht grundsätzlich eine umfassende Diagnostik voraus, die mehrere Untersuchungsschritte umfasst. Dazu gehören neben der Anamnese und Labortests auch die Bildgebung mittels Magnetresonanztomographie (MRT), Computertomographie (CT) oder PET-CT.
Mithilfe der Aufnahmen ist es nicht nur möglich, auffällige Befunde wie Tumore und andere Läsionen strukturell und funktionell zu erfassen, sondern diese auch genau zu lokalisieren. Die präzise Bestimmung des Zielvolumens mittels MRT oder CT als Planungsverfahren ist die Grundlage der stereotaktischen Strahlentherapie, da sie die exakte Festlegung des zu bestrahlenden Areals ermöglicht. Letzteres deckt in der Regel einen etwas größeren Bereich als das sichtbare Tumorvolumen (Gross Tumor Volume, GTV) ab, da ein Sicherheitssaum für bessere Behandlungsergebnisse berücksichtigt wird.
Durch die genaue Festlegung des Ziels kann die Bestrahlung bei der stereotaktischen Strahlentherapie aus verschiedenen Richtungen erfolgen. Im Ergebnis überlagern sich die einzelnen Strahlenbündel im Tumor und erzeugen eine hohe Dosis. Das umliegende, gesunde Gewebe ist dabei einer geringeren Strahlung ausgesetzt und folglich im Hinblick auf mögliche Strahlenschäden weniger gefährdet.
Charakteristisch für die stereotaktische Strahlentherapie ist die sogenannte „Hypofraktionierung“, also die Aufteilung der wirksamen Strahlung auf wenige Sitzungen mit jeweils hoher Einzeldosis. So können beispielsweise zur Behandlung eines Lungenkarzinoms mitunter bereits drei bis fünf Fraktionen ausreichen. Die konkrete Entscheidung über die Gesamtdosis und die Anzahl der Einzelbehandlungen richtet sich immer nach der Tumorart, der Lokalisation und der Nähe zu den Organen, die bei einer Anwendung geschädigt werden können (Risikoorgane).
Die Vorteile der stereotaktischen Bestrahlung im Überblick:
- Klare und präzise Festlegung des Zielvolumens mittels Bildführung
- Starke Fokussierung der Strahlendosis auf kritische Läsionen
- Schonung des gesunden Nachbargewebes und dadurch Minimierung von Strahlenschäden
Zu den besonderen Herausforderungen gehören Tumore, die ihre Lage verändern, was beispielsweise im Brustkorb (Thorax) und Oberbauch durch die Atembewegung passieren kann. Gerade bei Brustkrebsbehandlungen ist die unmittelbare Nähe zum Herzen problematisch, weshalb die Behandlung in diesem Fall unter Berücksichtigung des Atemzyklus – das sogenannte „Atemgating“ – erfolgt.
Ein zentraler Aspekt der stereotaktischen Strahlentherapie ist die exakte Lagerung des Patienten. Damit die Position des Tumors aus der Planungsaufnahme (Soll-Lokalisation) mit der aktuellen Lage (Ist-Lokalisation) übereinstimmt, erfolgt vor der Bestrahlung eine Überprüfung mittels Bildgebung. Zur Orientierung können dabei markante körpereigene Strukturen oder implantierte Marker dienen.
Stereotaktische Strahlentherapie vs. Radiochirurgie
In der Medizin, speziell der Radioonkologie, haben sich in den letzten Jahren verschiedene Verfahren zur Behandlung von Tumoren und anderen Läsionen mittels Strahlenquellen etabliert. Dazu gehören die innere Strahlentherapie (Brachytherapie), die Behandlung mit radioaktiven Stoffen in Verbindung mit molekularen Trägern (nuklearmedizinische/molekulare Strahlentherapie) sowie die stereotaktische Strahlentherapie und die Radiochirurgie.
Letztere basiert auf ähnlichen Prinzipien wie die stereotaktische Strahlentherapie, unterscheidet sich aber in der Durchführung, da sie vorrangig zur Behandlung von Erkrankungen des Gehirns eingesetzt wird und die Therapie häufig nur eine Sitzung erfordert. Die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie fasst die stereotaktische Strahlentherapie und die Radiochirurgie unter dem Oberbegriff „stereotaktische Strahlentherapie“ zusammen [1].
Bei welchen Erkrankungen wird die stereotaktische Strahlentherapie eingesetzt?
Wichtige Fakten auf einen Blick:
- Ein möglicher Anwendungsfall sind bestimmte Varianten von Lungenkrebs.
- Daneben ist das Verfahren auch bei primären Tumoren der Leber und Lebermetastasen eine Therapieoption.
- Für große bzw. weit fortgeschrittene Karzinome ist das Verfahren eher nicht geeignet.
Das Herausstellungsmerkmal der stereotaktischen Strahlentherapie, hochdosierte Strahlung auf wenige Sitzungen verteilt anzuwenden, eignet sich nicht für jede Tumorform. Eine Indikation ist das nicht-kleinzellige Lungenkarzinom (Non-Small Cell Lung Cancer, NSCLC) im frühen Stadium ohne Lymphknotenbeteiligung. Bei Patienten, die aufgrund ihres Allgemeinzustands, Alters oder begleitender Erkrankungen (Komorbiditäten) – etwa einer eingeschränkten Lungenfunktion – nicht operiert werden können, lassen sich mit der stereotaktischen Strahlentherapie als kurativer Behandlungsoption positive Ergebnisse erzielen [2].
Ein zweites Anwendungsgebiet sind Patienten, bei denen wenige Tochtergeschwüre (Oligometastasierung) bei einem stabilen Primärtumor ausgemacht werden. Diese sind unter anderem in
- Lunge,
- Leber,
- Nebennieren,
- Wirbelsäule und
- Lymphknoten
zu finden. Mit der Bestrahlung dieser Tumorherde wird versucht, die lokale Tumorkontrolle zu verbessern. Weitere Anwendungsfälle der stereotaktischen Strahlentherapie sind unter anderem
- primäre Lebertumore und Lebermetastasen,
- niedrig- bis mittelgradige Prostatakarzinome und
- Wirbelsäulenmetastasen zur Schmerz- und Tumorkontrolle.
Welche Risiken und Nebenwirkungen können bei der stereotaktischen Strahlentherapie auftreten?
Wichtige Fakten auf einen Blick:
- Je nach bestrahltem Organ unterscheiden sich die unerwünschten Reaktionen.
- Bei einer stereotaktischen Strahlentherapie der Lunge kann es zu Müdigkeit oder Husten kommen.
- Bei einer Anwendung im Bereich der Wirbelsäule besteht das Risiko negativer Effekte auf das Rückenmark.
Trotz des grundlegenden Ansatzes der stereotaktischen Strahlentherapie, die Dosis so präzise und fokussiert wie möglich abzugeben, können Nebenwirkungen und unerwünschte Effekte nicht vollständig ausgeschlossen werden. Welche Reaktionen sich infolge der Bestrahlung zeigen, ist vor allem von dem behandelten Organsystem abhängig.
Bei der Bestrahlung der Lunge können vorübergehend Müdigkeit (Fatigue), Husten oder eine entzündliche Veränderung des Lungengewebes (Strahlenpneumonitis) auftreten. Im Bereich der Wirbelsäule und des Rückenmarks ist hinsichtlich der Risikoorgane die Dosisbegrenzung von entscheidender Bedeutung. In seltenen Fällen kann es beispielsweise zu einer Schädigung des Rückenmarks (Myelopathie) als Folge der stereotaktischen Strahlentherapie kommen [3].
Die Strahlenmedizin arbeitet kontinuierlich an einer Weiterentwicklung der stereotaktischen Strahlentherapie und der eingesetzten Techniken, um die Nebenwirkungen so gering wie möglich zu halten. Ein Ergebnis der neueren Forschung ist etwa die Erkenntnis, dass die Blockade gewisser Signalwege zwischen einem bestrahlten Primärtumor und den Metastasen das Behandlungsergebnis beeinflusst, da das Wachstum bestehender Metastasen ohne eine solche Blockade gefördert werden kann [4].
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Fazit: Die stereotaktische Strahlentherapie kann bei bestimmten Tumoren mit nur wenigen Behandlungen zu positiven Ergebnissen führen
Im Rahmen der Krebsbehandlung haben sich in den zurückliegenden Jahren unterschiedliche Verfahren etabliert, zu denen die Radioimmuntherapie oder individuell an den Tumor angepasste Behandlungen gehören. Bei der stereotaktischen Strahlentherapie werden hohe Strahlendosen genutzt, um Krebszellen gezielt abzutöten. Allerdings ist die Methode nicht pauschal zur Behandlung aller bösartigen Erkrankungen geeignet.
Eine direkte Nähe zu empfindlichen Organen oder sehr große Tumormassen können gegen die Anwendung der Methode sprechen. Letztlich wird die Frage des Einsatzes der stereotaktischen Strahlentherapie immer durch eine Entscheidung beantwortet, die interdisziplinäre Tumorboards (fachübergreifende Fallbesprechungen) aufgrund der individuellen Rahmenbedingungen des konkreten Patienten treffen. Gilt die stereotaktische Strahlentherapie im konkreten Fall als erfolgversprechend, profitiert der Patient im Vergleich zur mehrwöchigen Strahlentherapie von der Reduzierung auf wenige Sitzungen.
FAQ zur stereotaktischen Strahlentherapie: Die wichtigsten Fragen und Antworten
Ist die stereotaktische Strahlentherapie schmerzhaft?
Nein, die Bestrahlung selbst ist für den Patienten – wie bei einer Röntgenaufnahme – nicht spürbar und verläuft schmerzfrei. Als unangenehm kann mitunter die längere, regungslose Lagerung während der Therapiesitzung empfunden werden. Beschwerden wie Müdigkeit oder Husten bei einer Bestrahlung der Lunge treten erst später als mögliche Nebenwirkung auf.
Kann die stereotaktische Strahlentherapie selbst einen Tumor auslösen?
Wie jede Behandlung mit ionisierender Strahlung birgt auch die stereotaktische Strahlentherapie ein zumindest theoretisches Risiko für das Auslösen eines strahleninduzierten Tumors. Diese Gefahr wird aber als sehr gering eingestuft und durch die hochpräzise Konzentration auf das Zielvolumen sowie den Dosisabfall im gesunden Gewebe begrenzt. Gerade bei Patienten mit fehlenden Behandlungsalternativen überwiegt in der Risiko-Nutzen-Abwägung meist der kurative Nutzen.
Müssen Patienten für die stereotaktische Strahlentherapie eine besondere Vorbereitung einhalten?
Pauschale Aussagen in Bezug auf Aspekte wie eine Nahrungskarenz sind für die stereotaktische Strahlentherapie schwierig zu treffen, da die Rahmenbedingungen stark von der bestrahlten Körperregion abhängen. So kann beispielsweise bei einer Behandlung im Bereich des Oberbauchs die Einhaltung einer Nahrungskarenz tatsächlich erforderlich sein. Vorhandene Implantate wie ein Herzschrittmacher oder Metalle können die Bildgebung beeinflussen. Daher sind der Umgang damit – beispielsweise die Dosisberechnung – und entsprechende Vorbereitungsmaßnahmen stets im Einzelfall zu entscheiden. Konkrete Informationen zur Einhaltung bestimmter Verhaltensweisen erarbeitet der Behandlungsstandort patientenindividuell.
Wird eine stereotaktische Strahlentherapie ambulant oder stationär durchgeführt?
Häufig erfolgt die stereotaktische Strahlentherapie ambulant. Da nur wenige Sitzungen erforderlich sind und das Verfahren nicht-invasiv sowie schmerzfrei ist, kann der Patient die Einrichtung nach der Bestrahlung wieder verlassen. Eine stationäre Aufnahme kann im Einzelfall sinnvoll sein, etwa bei eingeschränktem Allgemeinzustand oder bei einer aufwendigen Lagerung sowie im Fall begleitender Erkrankungen, die eine stationäre Betreuung erforderlich machen.
[1] Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie e.V., Definition der Stereotaktischen Strahlentherapie gemäß DEGRO AG Stereotaxie, online verfügbar unter: Link (Datum des letzten Zugriffs: 13.06.2026).
[2] Kraus KM, Combs SE. Stereotaktisch ablative Strahlentherapie für operable nichtkleinzellige Bronchialkarzinome in Stadium I (überarbeitete STARS-Studie): Langzeitergebnisse einer einarmigen, prospektiven Studie mit Vergleich zur Operation [Stereotactic ablative radiotherapy for operable stage I non-small-cell lung cancer (revised STARS trial): long-term results of a single-arm, prospective trial with comparison to surgery]. Strahlenther Onkol. 2022 Feb;198(2):214-218. German. doi: 10.1007/s00066-021-01893-z. Epub 2021 Dec 20. PMID: 34928434; PMCID: PMC8789709.
[3] Ong WL, Wong S, Soliman H, Myrehaug S, Tseng CL, Detsky J, Husain Z, Maralani P, Ma L, Lo SS, Sahgal A. Radiation myelopathy following stereotactic body radiation therapy for spine metastases. J Neurooncol. 2022 Aug;159(1):23-31. doi: 10.1007/s11060-022-04037-0. Epub 2022 Jun 23. PMID: 35737172.
[4] Piffkó, A., Yang, K., Panda, A. et al. Radiation-induced amphiregulin drives tumour metastasis. Nature 643, 810–819 (2025). https://doi.org/10.1038/s41586-025-08994-0

