Karpaltunnelsyndrom: Diagnostik mit Ultraschall und MRT – Wann ist welches Verfahren besser?
Beim Karpaltunnelsyndrom (KTS) handelt es sich um ein Engpasssyndrom, bei dem es aufgrund des im Karpaltunnel wirkenden Drucks zu einer Schädigung des Mittelnervs (Nervus medianus) kommt. Schätzungen zur Häufigkeit variieren je nach Quelle, gehen aber überwiegend von mehr als zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung aus, die unter dem KTS leiden, wobei der Häufigkeitsgipfel zwischen dem 40. und dem 60. Lebensjahr liegt [1] [2]. Meist ist die im Alltag stärker beanspruchte, in der Regel dominante Hand betroffen. Das KTS kann aber auch beidseitig auftreten.
Die dokumentierten Fallzahlen zeigen neben einem geschlechtsspezifischen Unterschied auch eine Häufung im Zusammenhang mit Übergewicht sowie einer hohen körperlichen Belastung [3]. Oft macht sich das Syndrom durch das Einschlafgefühl bzw. ein nächtliches Schmerzempfinden in der betroffenen Hand (Brachialgia paraesthetica nocturna) bemerkbar. Das Missempfinden kann sich im Verlauf auf die Finger der betroffenen Hand ausbreiten. Ohne Therapie kommt es beim Fortschreiten des KTS zu einer Rückbildung einzelner Muskelgruppen, die mit einem spürbaren Kraftverlust verbunden ist. Daher ist es von großer Bedeutung, das KTS in einem frühen Stadium zu diagnostizieren, wofür auch radiologische Bildgebungsverfahren genutzt werden.
Das Karpaltunnelsyndrom im Überblick
Wichtige Fakten auf einen Blick:
- Der Karpaltunnel liegt im Bereich des Übergangs vom Unterarm in die Hand.
- Kommt es zu Schwellungen, werden die durch den Kanal laufenden Strukturen komprimiert.
- Betroffene bemerken unter anderem ein Kribbeln, das sich in die Finger ausbreiten kann.
Der Karpaltunnel liegt auf der Beugeseite des Handgelenks und wird durch die Handwurzelknochen sowie das Karpalband (Retinaculum flexorum oder Ligamentum carpi transversum) gebildet. Durch diesen engen Kanal verlaufen der Mittelnerv und die Beugesehnen der Finger. Nimmt das Volumen im Karpaltunnel zu, beispielsweise durch eine Schwellung des Sehnengleitgewebes, steigt der Druck auf den Nerv. Ist dieser groß genug – als kritischer Wert gelten 30 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg), während Werte zwischen 2 und 10 mmHg als normal gelten –, zeigen sich erste Symptome.
Die durch den Druck aufgebaute Kompression verursacht zunächst eine Minderdurchblutung (Ischämie) des Nervs. Hält das Syndrom an, kommt es in der Folge zu einer Schädigung der den Nerv umgebenden Hülle (Demyelinisierung). Bei weiterem Fortschreiten bilden sich Läsionen des Nervengewebes und Schäden an den Nervenfasern (Axondegeneration).
Zu den das KTS begünstigenden Risikofaktoren zählen unter anderem:
- Schwangerschaft,
- Diabetes mellitus,
- Niereninsuffizienz,
- Hypothyreose (Unterfunktion der Schilddrüse) und
- rheumatoide Arthritis.
Aber auch Lebensstilfaktoren wie eine repetitive, das Handgelenk belastende Tätigkeit oder anatomische Besonderheiten wie ein sehr enger Karpaltunnel begünstigen die Entstehung des Syndroms.
Eine Besonderheit ist, dass das Syndrom in einem erheblichen Anteil der Fälle beidseitig auftritt und somit eine Behandlung an beiden Händen erforderlich ist. Da ähnliche Beschwerden auch bei einer Nervenwurzelreizung der Halswirbelsäule (zervikale Radikulopathie) oder einer Erkrankung der peripheren Nerven (Polyneuropathie) auftreten können, muss das KTS aus mehreren Blickwinkeln differenzialdiagnostisch betrachtet werden. Gerade bei untypischen Beschwerden oder einer Überlagerung mehrerer Krankheitsbilder ist eine erweiterte Diagnostik in der Regel angezeigt.
Diagnostische Verfahren bei Verdacht auf das Karpaltunnelsyndrom
Wichtige Fakten auf einen Blick:
- Die klinische Untersuchung und Elektroneurographie bilden die Grundlage der KTS-Diagnostik.
- Mitunter lassen sich die Schmerzen und Beschwerden nicht klar dem KTS zuordnen.
- Zur Klärung spezieller Fragen wird auf die Magnetresonanztomographie und den Ultraschall zurückgegriffen.
Zu den wesentlichen Schritten der KTS-Diagnostik gehört die klinische Untersuchung mit einer Inspektion des betroffenen Handgelenksbereichs, einer Tastuntersuchung sowie der Prüfung der Sensibilität und Motorik. Als zuverlässige Methode zur Befundung wird im Rahmen der Leitlinien die Elektroneurographie empfohlen [2]. Typisch ist eine verlangsamte Nervenleitgeschwindigkeit des Mittelnervs im Bereich des Karpaltunnels, was auf die Demyelinisierungsprozesse hindeutet.
Ultraschall
Da die Elektroneurographie mitunter auch falsch-negative oder grenzwertige Befunde liefern kann (etwa in frühen Krankheitsstadien, wenn die Reizsymptome sporadisch auftreten), bietet sich der Ultraschall (Sonographie) als ergänzende Untersuchung an. Ein weiterer Anwendungsfall des Verfahrens ist der Verdacht auf einen anatomischen Auslöser, wozu zum Beispiel ein geteilter Mittelnerv gehört, der die elektrophysiologische Interpretation erschwert.
Auch bei tastbaren Veränderungen im Handgelenk, wie dem Verdacht auf ein Ganglion (gutartige, mit Flüssigkeit gefüllte Zyste), liefert der Ultraschall zusätzliche, für die Therapieplanung relevante Informationen. Zudem kommt das Verfahren nach einer Operation zur Anwendung, um bei anhaltenden oder erneut auftretenden Beschwerden eine unvollständige Retinakulumspaltung (ein Schnitt im Karpalband zur Entlastung des Nervs) oder eine Vernarbung im Operationsbereich von einer wieder auftretenden Kompression abzugrenzen.
Postoperativ ist das Verfahren auch noch aus einem anderen Grund von Bedeutung: Der Nerv lässt sich während der aktiven Bewegung des Handgelenks in Echtzeit beobachten, wodurch seine Verschieblichkeit und Kompressibilität beurteilbar sind. Durch den Einsatz spezieller Ultraschalltechniken ist außerdem die Darstellung entzündlicher Begleitreaktionen wie einer vermehrten Durchblutung innerhalb des Nervs möglich.
Magnetresonanztomographie
Da die Magnetresonanztomographie (MRT) im Vergleich zur Elektroneurographie und zum Ultraschall bei der Untersuchung des KTS eine geringere Spezifität aufweist, wird sie in der Regel nur in begründeten Einzelfällen zur Klärung bestimmter Fragen – die eine detaillierte Weichteil- und Strukturbeurteilung erfordert – eingesetzt. Dazu zählt in erster Linie der Ausschluss oder Nachweis einer Raumforderung im Karpaltunnel, wie beispielsweise einer onkologisch relevanten Neoplasie oder eines Ganglions in atypischer Lage, insbesondere wenn eine Operation geplant ist.
Die MRT wird darüber hinaus auch bei besonders komplexen anatomischen Ausgangslagen als Ergänzung genutzt, etwa nach vorangegangenen Eingriffen mit ausgeprägter Vernarbung, oder wenn der Ultraschallbefund aufgrund eingeschränkter Bildqualität nicht eindeutig ist. Bei systemischen Erkrankungen mit einer beidseitigen Nervenbeteiligung, etwa einer Amyloidose (pathologische Ablagerung von Eiweißen im Gewebe), erlaubt die MRT zudem eine umfassende Beurteilung von Nerven und umgebendem Gewebe.
Ultraschall oder MRT beim Karpaltunnelsyndrom – Welches Verfahren eignet sich wann?
Im direkten Vergleich erreichen weder der Ultraschall noch die MRT die diagnostische Genauigkeit der klinischen Untersuchung und der Elektroneurographie. Als praxisrelevante Konsequenz folgt daraus, dass beim Vorliegen der typischen KTS-Symptomatik und eines eindeutigen elektrophysiologischen Befunds eine zusätzliche radiologische Bildgebung nicht erforderlich ist. Nur unklare oder atypische Beschwerden sowie tastbare Veränderungen im Handgelenk rechtfertigen die erweiterte Bildgebung mit einer der beiden Methoden. Gleiches gilt für Situationen, in denen anhaltende Beschwerden nach einer Operation auftreten.
Der Ultraschall ist in solchen Fällen aufgrund des geringeren Aufwands bei der Durchführung und seiner schnellen Verfügbarkeit die Methode, mit der sich viele Fragen klären lassen – besonders bei Untersuchungen des Nervs während der aktiven Handgelenksbewegung. Die MRT kommt indes gezielt zum Einsatz, wenn eine Raumforderung vermutet wird oder Bilder mit hoher Weichgewebeauflösung gefragt sind. Die klinische Entscheidung für eines der beiden bildgebenden Verfahren basiert weniger auf einer starren Rangfolge, sondern ist vielmehr von der konkret zu klärenden Fragestellung abhängig.
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Fazit: Ultraschall und MRT werden beim Karpaltunnelsyndrom vor allem als ergänzende Untersuchungen genutzt
Die radiologische Bildgebung spielt bei vielen Erkrankungen eine zentrale diagnostische Rolle. Im Hinblick auf die Untersuchung und Bewertung des Verdachts auf das KTS sind die MRT und der Ultraschall jedoch eher von ergänzendem Nutzen. Beide Verfahren kommen nicht in der Erstliniendiagnostik zum Einsatz, sondern werden bei spezifischen Fragen – etwa, wenn Schmerzen nach einer Operation auftreten oder die bisherige Befundung nur unklare Ergebnisse geliefert hat – in Erwägung gezogen. Dabei zeigt sich eine klare Trennung: Der Ultraschall eignet sich vor allem für schnelle Übersichtsaufnahmen und die Beurteilung des KTS unter Bewegung, während mit der MRT unter anderem dem Verdacht auf bösartige Neubildungen nachgegangen werden kann.
FAQ zur Ultraschall- und MRT-Diagnostik beim Karpaltunnelsyndrom: Die wichtigsten Fragen und Antworten
Warum sind Ultraschall und MRT beim Karpaltunnelsyndrom keine Verfahren der Erstliniendiagnostik?
Der Grund dafür liegt in der Sensitivität und Spezifität, in denen beide Verfahren der Elektroneurographie unterlegen sind. Beide Untersuchungsmethoden stoßen beim KTS aus unterschiedlichen Gründen an Grenzen. Beim Ultraschall hängt die Beurteilung unter anderem von der Erfahrung des untersuchenden Arztes ab, während bei der MRT die Verfügbarkeit eine Rolle spielen kann.
Wird die MRT beim Karpaltunnelsyndrom mit Kontrastmittel durchgeführt?
Bei der MRT-Diagnostik zur Untersuchung eines Verdachts auf das KTS wird im Regelfall auf die Verwendung eines Kontrastmittels verzichtet; die Untersuchung erfolgt meist nativ, da sich der Verlauf der Nerven und Weichgewebestrukturen so bereits ausreichend beurteilen lässt. Eine Kontrastmittelgabe erfolgt daher nur gezielt, um beispielsweise den Verdacht auf einen Tumor oder eine entzündliche Raumforderung zu überprüfen.
Wie lange müssen beim KTS die Beschwerden anhalten, bis die Bildgebung in Erwägung gezogen wird?
Die Leitlinienempfehlungen sehen diesbezüglich keinen konkreten Zeitrahmen vor. Wichtiger ist insofern das Gesamtbild. Wird eine Behandlung eingeleitet und bestehen die Probleme weiterhin, kann die Bildgebung mittels MRT oder Ultraschall in Erwägung gezogen werden. Auch beim Auftreten von Schmerzen wenige Monate nach einer Operation ist dieser Schritt möglich. Eine Empfehlung zur Durchführung eines Ultraschalls nach sechs Wochen mit Schmerzen existiert nicht.
[1] Spahn, G. et al. (2012): Metaanalyse zur Bestimmung von Risikofaktoren für das Karpaltunnelsyndrom (KTS) – Teil I: Allgemeine Risikofaktoren. In: Zeitschrift für Orthopädie und Unfallchirurgie, Jg. 150, H. 5, S. 503-515. DOI: 10.1055/s-0032-1315345.
[2] Antoniadis, G. et al. (2022): S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Karpaltunnelsyndroms. AWMF-Registernummer 005-003, revidierte Fassung. Berlin/Ulm: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). online verfügbar unter: Link (Datum des letzten Zugriffs: 24.09.2026).
[3] Shiri, R. et al. (2015): The Effect of Excess Body Mass on the Risk of Carpal Tunnel Syndrome: A Meta-Analysis of 58 Studies. In: Obesity Reviews, Jg. 16, H. 12, S. 1094-1104. DOI: 10.1111/obr.12324.